Narration in Nachrichten

Projektleitung:

Prof. Dr. H. Burger
Dr. Martin Luginbühl

Mitarbeit:

lic. phil. Kathrine Schwab

Politische Akteure wie Parteien, Verbände etc., aber auch viele ökonomische Akteure (Wirtschaftsunternehmen) sind darauf angewiesen, dass die Medien über sie berichten und ihre Positionen an ein Massenpublikum vermitteln. Von grosser Wichtigkeit für die entsprechenden Akteure ist aber nicht nur, dass über sie berichtet wird, sondern auch wie dies geschieht.

Im Zentrum dieses Projekts steht die Frage, wie in Nachrichten- und anderen Informationssendungen des Fernsehens über politische und ökonomische Akteure berichtet wird. Insbesondere Nachrichtensendungen nehmen in Fernsehprogrammen einen zentralen Platz ein, weil sie den Anspruch auf umfassende Vermittlung des Weltgeschehens erheben. Auch für die Rezipientinnen und Rezipienten sind Fernsehnachrichten von grosser Bedeutung, formen sie doch den gesellschaftlichen Diskurs über aktuelle Ereignisse. Nachrichtenmuster geben so neben Sprach- und Bildstandards auch Standards für die Darstellung bestimmter Diskurse vor, wobei davon ausgegangen werden muss, dass sich diese Muster in die nichtmediale Realität zurückspiegeln, also etwa einen Einfluss auf die Selbstdarstellung politischer Akteure und deren Output haben (Medialisierungsdruck).

Berichte in den Nachrichtensendungen des Fernsehens können als audiovisuelle "Erzählungen" aufgefasst werden. Eine solche Sichtweise hebt hervor, dass Nachrichten nicht einfach Realität ausschnitthaft abbilden, sondern dass die entsprechenden Berichte "gestaltet" sind, Wirklichkeit konstruieren und Authentizität inszenieren. Nachrichtensendungen und einzelne Berichte folgen einer Dramaturgie, der narrative Muster zugrunde liegen, die im Falle des Fernsehens sowohl auf der Ebene der Sprache als auch derjenigen des Tones und Bildes realisiert werden.

Im laufenden Projekt sollen derartige narrative Muster von Berichten über politische und ökonomische Akteure untersucht werden, und zwar unter synchroner und diachroner Perspektive. Diese Akteure bieten deshalb ein geeignetes Forschungsfeld, weil in modernen Informationsgesellschaften die mediale Vermittlung politischer und ökonomischer Kommunikation im Prozess der Meinungsbildung an Bedeutung gewinnt. In der beabsichtigten Untersuchung sollen Informationssendungen aus der Deutschschweiz zum Thema "schweizerische Ausländerpolitik" systematisch diachron analysiert werden, Beiträge zum Thema "Gentechnologie" und "Sozialversicherungen" synchron. Da Nachrichtentexte immer auch Ausdruck einer kulturellen Praxis sind, ist ihnen neben dem medialen stets auch der gesellschaftliche Kontext eingeschrieben. Veränderungen narrativer Muster werden deshalb als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen und technischer Entwicklungen des Mediums Fernsehen verstanden. Die Erforschung narrativer Muster in der Nachrichtengeschichte ist somit auch Teil einer (Fernseh)Kulturgeschichte.

Die Umsetzung in Form von Weiterbildungen richtet sich primär an Journalisten und Medienpädagogen.

Kontakt:

[Dr. Martin Luginbühl], Deutsches Seminar, Schönberggasse 9, CH-8001 Zürich


Projektleitung: Dr. Martin Luginbühl

Projektbeschrieb:

In Zürich ist im Rahmen eines grösseren vom Nationalfonds getragenen Forschungsverbundes ein Projekt zum Thema "Sprachliche Konstruktion der Wirklichkeit durch Medien: Strategien und ihre Risiken" durchgeführt worden. Dieses Projekt wurde von Prof. Dr. Harald Burger geleitet, als wissenschaftliche Mitarbeiter waren Thomas Baumberger, [Dr. Martin Luginbühl] und partiell Dr. Reto Wilhelm tätig.

Leitende Frage des Projektes war, in welchem Masse sich Informationen (und die damit konstruierte Wirklichkeit) verändern, wenn sie die verschiedenen medialen Bearbeitungsprozesse durchlaufen, und welches Verzerrungspotential in diesen Prozessen liegt. Das Medienprodukt, der Text bzw. das Ensemble von Text - Ton - Bild, ist in den Medien heutzutage ein komplexes Gebilde, dessen Genese oft über verschiedene Stufen der Textherstellung läuft und das in vielfältiger Weise mit anderen Texten vernetzt ist. Herkömmliche Vorstellungen über Texte (individueller Autor, Identifizierbarkeit von zitierten Texten etc.) müssen für die Produktion und Rezeption von Medientexten gänzlich revidiert werden: Medientexte sind hochgradig "intertextuell". Informationen, die von primären politischen Akteuren formuliert sind, werden durch die medialen Kanäle schrittweise transformiert. Dadurch ergibt sich - linguistisch gesehen - eine Kette von "Intertexten". Diese stellen nicht nur formale Varianten voneinander dar, sondern zwischen ihnen spielen sich vielfältige inhaltliche Umformungen ab (Stichworte Infotainment, Emotionalisierung, Personalisierung, Skandalisierung etc.). Hier liegt ein bedeutendes Potential für Beeinflussung der Rezipienten, mit einer grossen Bandbreite zwischen legitimer Meinungsbildung und problematischer Manipulation.

Gefragt wurde im Projekt nach den gängigen Bearbeitungsverfahren der einzelnen Medien, worin sich die elektronischen Medien von den Printmedien unterscheiden und wo medienübergreifende Prozesse beobachtbar sind. Die intertextuellen Prozesse wurden anhand der medialen Aufbereitung von Ereignissen mit nationaler und regionaler Bedeutung studiert. Es wurden nach Möglichkeit Ereignisse ausgewählt, die politische, wirtschaftliche und soziale Aspekte miteinander verbinden und deshalb viele Medienkanäle beanspruchten.

Mulitmethodische Verfahren sollten ermöglichen, der Vielschichtigkeit des Forschungsgegenstandes gerecht zu werden. Im Zentrum stand die Textanalyse (Produktanalyse) aller erreichbaren Quellen und die Analyse des Netzes von Umformungswegen, mit den Methoden der Semantik, Textlinguistik und Pragmatik. Neben der Produktanalyse wurden Beobachtungen auf Redaktionen durchgeführt und Rezipientinnen und Rezipienten befragt. Das Projekt wurde im Dezember 1999 beendet.

Publikationen:

Harald Burger: Metapher und Metonymie als Mittel der Personalisierung des Politischen. In: Kurt Imhof/ Peter Schulz (Hrsg., 1998), Die Veröffentlichung des Privaten - die Privatisierung des Öffentlichen. Mediensymposium Luzern Bd. 4, Opladen/ Wiesbaden, 295 - 311.

Harald Burger: Intertextualität in den Massenmedien. Erscheint in: Ulrich Breuer/ Jarmo Korhonen (Hrsg.), Mediensprache und Medienkritik. Helsinki.

Hardmeier, Sibylle / Luginbühl, Martin: Zur Informationsqualität von Zeitungsberichten über Meinungsumfragen: eine exemplarische Studie zur medialen Konstruktion von Realität, erscheint in der Zeitschrift "Publizistik. Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung", voraussichtlich Ausgabe 2/2000.

Weitere Publikationen sind in Vorbereitung.

Kontakt:

Dr. Martin Luginbühl, Deutsches Seminar, Schönberggasse 9, CH-8001 Zürich