Scheitern! Durchhalten! Triumphieren!

Drei Versuche, die flirrende Eigenart literarischen Erzählens in das magische Dreieck von Handlung, Beschreiben und Reflexion zu bannen

"Alle mussten sterben. Bis auf den heutigen Tag ist noch ein jeder von Euch gestorben, kaum dass er bei uns eintraf." So beginnt in Georg Kleins jüngstem Roman, Die Zukunft des Mars (2013), eine rätselhafte Geschichte über die Bewohner der Erde und des Mars, wo ein junger Marsianer soeben die irdische Kunst des Schreibens erlernt hat. Die vielen Leerstellen und Unbekannten in seinen Berichten, die auch davon herrühren, dass bisher niemand den Transfer von der Erde zum Mars überlebt hat, lässt Klein bis ins Wortmaterial vordringen. Die Sprache begegnet dem Leser als ,terra incognita' mit fremdartigem Sound: Worte wie "Mockmock" zum Beispiel, der Begriff für eine marsianische Lebensform, erzeugen eine entrückende Klangwelt, die sich gut ins Science-Fiction Genre einfügt. Doch Kleins Literatur kann noch viel mehr. In seinem Roman unserer Kindheit (2010) erzählt das lyrische Ich - mal als zischelndes Embryo, mal als feenhafte Ausgeburt der kindlichen Erzählsucht - in einer süddeutschen Provinz der Nachkriegsjahre eine Horrorgeschichte mit jener schaurigen Vorstellungskraft, welche Kinder nur in den Sommerferien entwickeln, wenn auf überbelichtete Tage warme Sommernächte folgen. Das Umschlagen vom fein beobachtenden Realismus in die phantasmatische Fiktionalität findet in der Unterteilung des Romans in Tag- und Nachtwelten seine programmatische Reflexion. Den rötlich schimmernden Höhlen und Gängen in Die Zukunft des Mars gleichen hier die verwinkelten Stollen und Schächte im Keller der alten Brauerei, in welchen die Kinder grauenhaften Dingen auf der Spur sind. Solche kafkaesken Verwinkelungen erstrecken sich in Kleins Agentenroman Libidissi (1998) über eine ganze Stadt, irgendwo zwischen Orient und Okzident gelegen, in der breite Boulevards neben verbotenen Vierteln mit Geheimwegen verlaufen. Der drohende Orientierungsverlust in den Labyrinthen einer unüberblickbaren gesellschaftlichen Realität und der schnelle Wechsel der Perspektiven sind poetologische Strategien, durch welche Georg Klein bizarre Welten auftürmt und miteinander kollidieren lässt.

 

Georg Klein, 1953 in Augsburg geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Soziologie. 1998 debütierte er mit dem Roman Libidissi. Inzwischen hat der Autor zahlreiche Erzählungen und Romane veröffentlicht. Darunter Barbar Rosa (2001) und Roman unserer Kindheit (2010), für den er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. 2013 erschien sein Roman Die Zukunft des Mars. Klein lebt in Ostfriesland.