Zürcher Poetikvorlesung 2017

Saša Stanišić

Organisation: Prof. Dr. Frauke Berndt, Sebastian Meixner, Deutsches Seminar; Dr. Gesa Schneider, Literaturhaus Zürich

 

Diesen Herbst wird Saša Stanišić die Zürcher Poetikvorlesungen halten. An drei Donnerstagen im November spricht der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller zu Grundfragen seiner Poetik.

Der 1978 in Višegrad geborene und seit 1992 in Deutschland lebende Autor zählt spätestens seit seinem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) zu den wichtigen Stimmen der jüngeren deutschsprachigen Autoren. Der Roman trägt semiautobiographische Züge und handelt von dem Jungen Aleksandar aus Višegrad, der mit seiner Familie vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland flieht und dort selbst die Kraft von Geschichten entdeckt.

Zu seinem jüngsten Erfolg Fallensteller (2016) überschlagen sich die Feuilletons und machen Stanišić zum "Sprachzauberer", "Magier" mit "fieser Menschenkenntnis" und zu einem "heiteren Melancholiker", schlicht zu: "einfach einem unserer besten Erzähler". Dass es vom Fallensteller nicht weit zum Schriftsteller ist, der mit seinen Mitteln der Sprache Fallen stellt, zeigt dieses Buch, indem es die Kraft von Sprache in seinen verschiedenen Erzählungen auslotet.

Sein Erzählen lässt tiefe Einsichten in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu, in der Sprache neu entdeckt wird. Er zeigt uns Figuren, die sprechen und erzählen, um irgendwo in der Welt eine Heimat zu finden - und zwar eine, die weder Nationen noch Religionen oder Geschlechter ausgrenzt, weil sie eben kein Ort ist, sondern ein Medium.


 

"Ich traue der Sprache nicht. Am besten weiss ich von mir selbst, dass sie sich, um genau zu werden, immer etwas nehmen muss, was ihr nicht gehört." Herta Müller

 

Die Zürcher Poetikvorlesungen wurden im Wintersemester 1996/97 von Professorin Sigrid Weigel und dem Präsidialdepartement der Stadt Zürich nach dem berühmten Frankfurter Vorbild ins Leben gerufen und gehören seither zu den Höhepunkten der literarischen Wintersaison: In drei Abendvorträgen reflektieren renommierte Autorinnen und Autoren im Literaturhaus über das eigene Schreiben und stellen sich am Folgetag im Rahmen eines universitären Kolloquiums den Fragen und Anregungen der interessierten Öffentlichkeit.

Die Schreibenden und ihr nicht nur studentisches Lesepublikum begegnen sich dabei auf intellektuell und ästhetisch bereichernde, aber auch herausfordernde Weise: Wo die Leserinnen und Leser sowohl einen Einblick in die Schreibwerkstätten der Vortragenden als auch die aktuelle wissenschaftliche Praxis der Interpretation erhalten, sehen sich die Studierenden mit der Vielfalt des literarischen Feldes auch jenseits des gedruckten Textes konfrontiert. Ähnliches gilt für die jeweiligen Inhaberinnen und Inhaber der Poetikdozentur, denen der Wechsel des Rollenfachs nicht selten ungewohnte Perspektiven beschert. So befürchtete etwa Christoph Ransmayr, Poetikdozent des Jahres 2004, um seine erzählerische "Gewissheit" sei es in dem Moment geschehen, da er "diesen Erzählraum verlasse und in Kommentaren zu reden beginne." Das Risiko, in der poetologischen Selbstbefragung "unter Umständen doch wieder nur als empörter Wirrkopf" zu erscheinen, nahmen und nehmen die Zürcher Poetikdozierenden indes seit nunmehr zwei Dekaden mit grösstem Erfolg und nicht selten überraschenden Resultaten in Kauf.

Die Ernennung der vorgestellten Poetikdozentinnen und -dozenten oblag jeweils einer Professorin oder einem Professor des Deutschen Seminars in Abstimmung mit dem Literaturhaus. Die Vielstimmigkeit der Eingeladenen spiegelt deshalb einerseits die literaturwissenschaftliche Vielfalt am Deutschen Seminar, lässt in der offenkundigen Polyphonie aber auch einige wiederkehrende Stimmen, Motive und Konstellationen erkennen. An prominenter Stelle findet sich dabei das Verhältnis von Literatur und Geschichte, das Schreiben als Arbeit am kollektiven Gedächtnis, das so unterschiedliche Autorinnen und Autoren wie Anne Duden, W.G. Sebald, Robert Schindel, Barbara Honigmann, Monika Maron, Volker Braun oder Herta Müller ins Zentrum ihrer poetologischen Reflexionen stellten. Eng mit dieser thematischen Linie verwandt ist die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur, ihren Möglichkeiten als Gegendiskurs, als Vademekum gegen Gedankenlosigkeit, Kitsch oder wissenschaftlichen Pragmatismus, die u.a. von Sibylle Lewitscharoff, Brigitte Kronauer, Kathrin Röggla oder Lukas Bärfuss ausgelotet wurden.

Als weitere Schwerpunkte kristallisierten sich die poetologisch seit jeher intensiv befragten Aspekte der Sprache, des Schreibens und der Form heraus. Während Paulus Hochgatterer, Marcel Beyer und Michael Donhauser die unaufhebbare Differenz zwischen sprachlicher Darstellung und Dargestelltem betonten, widmeten sich viele Autorinnen und Autoren, die sich vornehmlich einer Gattung verpflichtet fühlen, den Eigenheiten ihrer bevorzugten Schreibweise: Ralph Duttli und Durs Grünbein erörterten Probleme der Lyrik, während Hanns-Josef Ortheil und Georg Klein die Möglichkeiten des Romans nach jenem vielbeschworenen Ende des Erzählens erkundeten, das auch Franz Hohlers emphatische Reflexion narrativer Grundformen nicht fraglos gelten lassen mochte: Literatur, so die jenseits des Thematischen gemeinsame, gleichsam performative Erkenntnis der Zürcher Poetikvorlesungen, hat etwas zu sagen - für sich, von sich, über sich, über sich hinaus.

Dr. Christoph Steier

Zürcher Poetikvorlesungen 1996-2016 (Broschüre)

Zürcher Poetikvorlesungen 1996-2008 (Broschüre)