'Was ist schon ein Roman!'
Eine Beantwortung anhand von drei Beispielen

Mit Brigitte Kronauer konnte für die diesjährige Poetikvorlesung eine der renommiertesten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gewonnen werden. Die heute in Hamburg lebende Autorin wurde für ihr umfangreiches Schaffen vielfach ausgezeichnet. So erhielt sie, unter vielen anderen, 1989 den Heinrich-Böll-Preis, 1994 den Berliner Literaturpreis, 2003 den Grimmelshausen-Preis, 2005 den Georg-Büchner-Preis und 2011 den Jean-Paul-Preis.

Die drei Abendvorlesungen stehen unter dem bezeichnenden Titel "'Was ist schon ein Roman!'(eine Beantwortung anhand von drei Beispielen.)" Wer könnte sich dieser Frage besser stellen als Brigitte Kronauer, die bereits 1980 mit Frau Mühlenbeck im Gehäus ihren Debütroman publizierte und der nur sechs Jahre später mit Berittener Bogenschütze, der grosse Durchbruch gelang. Bemerkenswerterweise fokussiert der Bogenschütze, der sich zusammen mit Rita Münster (1983) und Die Frau in den Kissen (1990) zu einer lose gefügten Roman-Trilogie verbindet, inhaltlich selbst auf die Auseinandersetzung mit Romanen, insofern der Joseph Conrad-Forscher Matthias Roth ins Zentrum gestellt wird. Sei es die Bewahrung des "unwiederholbaren Einzelwesens gegenüber der […] täglich zunehmenden Quantität", wie z.B. in Das Taschentuch (1994), sei es die Hingabe an die Wahrnehmungs- und Gedankenwelten der ProtagonistInnen, wie z.B. in Teufelsbrück (2000), oder seien es die Techniken der Überblendungen wie in Errötende Mörder (2007), oder dem zuletzt erschienenen Zwei schwarze Jäger (2009), stets sind Kronauers Romane zwar "keine Welt-, aber sehr wohl eine Ich-/Naturerklärung" (Zweideutigkeit: 191), d.h. konstruktiv-ästhetische Auseinandersetzungen mit der Welt. Kronauers Schreiben verschränkt sich indes mit ihren Reflexionen über die Gattung Roman. So ist es nur konsequent, wenn sich ihre eigene Literaturkonzeption nicht nur in Auseinandersetzung mit zentralen Romanschriftstellern entfaltet - wie etwa Raabe, Hamsun, Walser, Hugo, Stifter, Woolf, Conrad, Nabokov, Melville oder Jean Paul -, sondern deren Schriften wiederum in vielen ihrer Romane (z.B. in Verlangen nach Musik und Gebirge, 2004) eine entscheidende Bezugsgrösse darstellen.

 

Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, studierte Germanistik und Pädagogik in Aachen und Köln. Sie ist Verfasserin von Romanen, Erzählungen und poetologischen Essays. Erschienen sind u. a. Favoriten. Aufsätze zur Literatur (2010) und Die Kleider der Frauen (2008). Kronauer ist Trägerin zahlreicher Literaturpreise, darunter der Georg-Büchner- und der Heinrich-Böll-Preis. Seit 1974 lebt die Autorin in Berlin.