Tag der Lehre 2016

Punktejagd. 

Ein Parcours durch das Bologna-System 

Mit Maximilian Benz, Simone Berchtold, Felix Christen, Marcel Naef, Michael Prinz, Anna Katharina Richter und Adriano Sabini 

An fünf interaktiven Stationen werden gemeinsam von Studierenden und Dozierenden Leistungsnachweise (Referate, schriftliche Arbeiten, Prüfungen) sowie Fragen der Arbeits- ökonomie und der Selbstverwaltung thematisiert. Dabei tauschen beide Gruppen auch die Rollen und nehmen so die Perspektive der anderen ein. 

Zeit: Mittwoch, 2.11.2016 10.15 - 12.00 Uhr 
Ort: SOD-103

Bericht zum Tag der Lehre

Autor: Dario Jablanovic

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich schreibe diesen Bericht nur deshalb, weil ich Punkte jage bzw. jagen muss. Dieser Bericht, für den ich drei Stunden Arbeitsaufwand eingerechnet habe, bringt mich um einen von insgesamt 60 Punkten näher an den Bachelor-Abschluss heran. Würde ich diesen Bericht aus Faulheit, Zeitgründen oder falscher Prioritätensetzung gar nicht oder zumindest nicht fristgerecht einreichen, so würde mir der Besuch der Lehrveranstaltung "Digitale Kommunikation" bei Christa Dürscheid nicht angerechnet werden. Auch wahrscheinlich dann nicht, wenn ich die Veranstaltung Woche für Woche besucht, mich intensiv mündlich im Seminar beteiligt und mich akribisch jeweils darauf vorbereitet hätte. Die Punktejagd kann beginnen:

Zum achten Mal fand am 2. November 2016 der Tag der Lehre an der Universität Zürich statt. Unter dem Motto "Punkten!" waren die Institute der Universität Zürich dazu angehalten worden, diesen Tag aktiv mitzugestalten. Im Vorfeld konnte der Website des Deutschen Seminars dazu entnommen werden:

"Damit Studierende ihre Kompetenzen unter Beweis stellen, dabei Bologna-konform ECTS-Punkte erwerben und diese zu einem formal korrekten und inhaltlich sinnvollen Academic Record zusammenfügen können, braucht es Lerneinsatz ebenso wie stimmige Curricula, angemessen anspruchsvolle und testtheoretisch fundierte Aufgabenstellungen ebenso wie faire Bewertungs- und Benotungsverfahren. Gelingt dieses Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Erfolgsfaktoren, sind Leistungsnachweise weit mehr als Anhängsel, die der Planung und Durchführung der Lehrveranstaltungen und Module noch irgendwie beigefügt werden müssen. Sie tragen dann ganz wesentlich zur konsequenten Umsetzung eines differenzierten Modulkonzepts und zum Aufbau wissenschaftlicher Handlungsfähigkeiten bei."

 

 Der Beginn

Etwa 50 Studierende fanden sich um 10:15 Uhr im Begegnungsraum des Deutschen Seminars ein, wo sie von Mireille Schnyder und Maximilian Benz herzlich begrüsst und in das Thema eingeführt wurden. An fünf Stationen soll zweierlei den Studierenden nähergebracht werden: Zum einen soll der Stellenwert von Leistungsnachweisen nachgeprüft und hinterfragt werden und zum anderen dient der Parcours dazu, die Perspektive von Studierenden und Dozierenden zu wechseln. Die Studierenden sollen in kleinen Gruppen hinter die Kulissen des Deutschen Seminars blicken können und für 1,5 Stunden in die Rolle von Professorinnen und Professoren, Dozierenden sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Deutschen Seminars schlüpfen. "Wenn man etwas dazu lernen will, muss man von Zeit zu Zeit die Seite wechseln", so Maximilian Benz.

 

 Korrektur einer schriftlichen Arbeit

An diesem Posten konnten sich die Studierenden in die Rolle eines Dozierenden hineinversetzen, der die schriftliche Arbeit eines Studenten/einer Studentin zu korrigieren und zu bewerten hat. Synchron korrigierten Maximilian Benz und Felix Christen unter den Augen der Studierenden eine von ihnen zuvor erstellte fiktive, schriftliche Seminararbeit. Schnell wurde bewusst: Jeder Dozent korrigiert nach eigenem Gusto. Ein objektives, faires Korrigieren gibt es nur bedingt. Während der eine Dozent grossen Stellenwert auf die Sprache und das Formale legt, richtet der andere Korrekturleser sein Augenmerk vor allem auf die inhaltliche Seite der Seminararbeit. Im Anschluss an diese pointiert-witzige Vorführung wurde im Plenum darüber debattiert, in welcher Form ein Feedback der korrigierten Arbeit an die Verfasser/innen erfolgen sollte. Während Dozierende wie Christa Dürscheid dies in Form einer kurzen, schriftlichen Stellungnahme machen, ziehen andere Dozierende das persönliche Gespräch mit der Verfasserin / dem Verfasser vor. Von Seiten der Studierenden wurde geäussert, dass auf jeden Fall eine schriftliche Stellungnahme besser sei als ein bloss kurzes, mündliches Feedback. Der Verfasser / die Verfasserin möchte seine Lehren aus seiner wochenlangen Arbeit ziehen, um eine solche beim nächsten Mal besser machen zu können. Wünscht der Verfasser / die Verfasserin noch ein zusätzliches mündliches Feedback, besteht noch immer die Möglichkeit, in die Sprechstunde des Dozenten/der Dozentin zu gehen. Hier wurde klar: Für die Studierenden ist die Arbeit nach Abgabe und anschliessender Einheimsung der ECTS-Punkte nicht getan; vielmehr möchten sie sich in seinen Fertigkeiten und seinem Wissen weiterentwickeln.

 

Prüfung

Die von Marcel Naef betreute Station zum Thema "Prüfung" bezog die anderen Stationen mit ein. Naef teilte die Teilnehmenden nach dem Rollentauschprinzip in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe, nach Möglichkeit Studierende, erstellte eine schriftliche Prüfung mit drei Fragen für die andere Gruppe, nach Möglichkeit Dozierende, die diese zu lösen hatte. Im Anschluss daran wurde von beiden Lagern ein Feedback-Fragebogen hinsichtlich Fairness, Korrektur und Fragestellung ausgefüllt und anschliessend über diese Einschätzungen diskutiert. Die Erkenntnis der Studierenden: Das Formulieren von Prüfungsfragen ist so einfach nicht. Dozierende haben beim Besuch der Station, zu der sie geprüft worden sind, die Inhalte nicht in Bezug auf eigene Interessen, sondern aufgrund ihrer Eignung für Prüfungsfragen bewertet und memoriert. Die Prüfungssituation änderte also die Perspektive auf den Stoff der Veranstaltung.

 

Buchungsprozesse

Einen interessanten Einblick in die Buchungsprozesse gewährte uns Adriano Sabini. Bevor das eigentliche Semester beginnt, haben die Studierenden eine Reihe von Vorbereitungen zu tätigen. In einem ersten Schritt muss der Student / die Studentin ermitteln, welche Lehrveranstaltungen sie / er für den weiteren Studienverlauf noch besuchen wolle respektive obligatorisch zu belegen habe. Der nächste Schritt besteht aus dem Erstellen seines eigenen Stundenplans, der vor allem auf die persönlichen Bedürfnisse und auf etwaige Arbeit neben dem Studium abgestimmt werden muss. Auf der Website der Universität Zürich erfolgt die Modulbuchung. In diesem Zusammenhang wurden die Teilnehmer/innen gefragt, was ihnen wichtiger sei: möglichst viele Punkte für wenig Arbeitsaufwand oder das Buchen von Lerneinheiten nach Inhalt und Interesse. Sprich: "Holzschnitzereien im Laufe der Zeit" für 6 ECTS-Punkte (Leistungsnachweis: mündliche Mitarbeit) oder aber "Goethe und seine Zeitgenossen" für 3 ECTS-Punkte (Leistungsnachweis: mündliche Mitarbeit, Referat, Protokoll, Handout und schriftliche Übung). Das Ergebnis mag überraschen: Die Studierenden wählen nach Inhalt aus. Erst wenn eine gewünschte Lehrveranstaltung online nicht mehr buchbar ist, entschliessen sie sich dazu, ein für sie nicht interessantes, dafür aber mit wenig Arbeitsaufwand verbundenes Seminar zu absolvieren. An dieser Station wurde deutlich, dass eine gute Organisation vor dem Semester das halbe Studium ist.

 

Arbeitsökonomie

Anna Katharina Richter präsentierte an diesem Posten verschiedene reale Stundenpläne von Vollzeit- und Teilzeitstudierenden, aber auch von Dozierenden und Professoren/Professorinnen. Die meisten Studierenden können die Regelstudienzeit von sechs Semestern für den Bachelorabschluss und das Mustercurriculum des Deutschen Seminars - sprich 30 ECTS pro Semester - kaum oder gar nicht einhalten und erfüllen. So hatten einige beispielsweise das Lateinobligatorium nachzuholen, andere wiederum arbeiten Teilzeit, werden bei Prüfungen unerwartet krank oder aber haben schlicht eine Familie und ein zeitaufwändiges Leben neben dem Studium.

 

Referate in Karaoke-Version

Referate halten und dies ohne Vorbereitung: Es ist möglich und sogar mit Spass verbunden, wie der Posten von Michael Prinz und Simone Berchtold zeigte. Dabei wurden die üblichen Seminarrollen vertauscht: Sechs Studierende hatten einen Vortrag für eine Zuhörerin zu halten, die die Präsentation am Ende evaluieren sollte. Die Studierenden hatten dabei die Power-Point-Folien, in die gezielt präsentationstechnische "Fehler" eingebaut worden waren (überanimierte und zu volle Folien, tote Links etc.), zuvor nicht gesehen. Diese Vortragsweise fiel zu Gunsten von extrovertierten Vortragenden aus, während scheue Studierende an ihre persönlichen Grenzen stiessen. Im Anschluss gab die Zuhörerin ein kurzes Feedback und gemeinsam wurden typische Stolpersteine bei Referatspräsentationen und die Schwierigkeit, einen roten Faden zu entwickeln, thematisiert.

 

Ergebnisse der Schlussrunde

Nach Absolvieren des Parcours fanden sich alle Teilnehmenden wieder im Begegnungsraum ein. Maximilian Benz fragte in die Runde, welche Vorurteile und Einschätzungen der Parcours bestätigt habe, welche Erkenntnisse gewonnen worden seien und welche Kritik am System der Leistungsnachweise geübt werden könne. Einhellig wurde gefordert, dass der Leistungsnachweis von der Lehrveranstaltung teilweise entkoppelt werden müsse. Kritisiert wurde der Umstand etwa des "Alles oder Nichts" der ECTS-Punktevergabe. Einerseits sei es nicht möglich, ein Seminar aus purem Interesse und persönlicher Weiterbildung zu buchen. Wird der Leistungsnachweis nämlich nicht erbracht, gilt das Seminar als "nicht bestanden". Ein weiteres Beispiel: Man bucht ein zweisemestriges Modul, in welchem im Folgesemester eine schriftliche Arbeit einzureichen sei. Im ersten Semester fehlt man an keiner Vorlesung oder Sitzung, man liest jeweils Texte von 60 Seiten, bereitet sich akribisch vor, hält ein Referat oder übernimmt eine Sitzungsleitung, schreibt ein Protokoll oder ein Handout und beteiligt sich intensiv an der Diskussion. Im Folgesemester kann man nun die schriftliche Arbeit - aus welchen Gründen auch immer - nicht einreichen. Das gesamte Seminar gilt als nicht bestanden. Es gibt keinen einzigen ECTS-Punkt des 9-Punkte-Seminars. Um auf das Motto zurückzukommen: Man hat sich auf die Jagd vorbereitet, hat die Gewehre geputzt, die Munition bereitgelegt, ist stunden- und tagelang konzentriert und fokussiert zusammen mit Gleichgesinnten marschiert; man hat die Welt besser kennengelernt, zuvor nicht beachtete Landstriche erobert, man hat auf der Jagd für das Leben gelernt und sich weiterentwickelt, und schliesslich kehrt man ohne Beute nach Hause zurück. Die Jagd war nicht erfolgreich; dem Weg, der bekanntlich das Ziel sein sollte - wurde zumindest als Leistungsausweis - keine Beachtung geschenkt.