Conditio extraterrestris

Das bewohnte Weltall als literarischer Imaginations- und Kommunikationsraum 1600-2000

Die Vorstellung des Weltalls als eines potentiell bewohnten oder bewohnbaren Lebensraums beherrscht das Selbstverständnis des neuzeitlichen Menschen bis heute. Wer ihn verstehen will, der muss die Geschichte der Bilder und Erzählungen ausserirdischen Lebens ernst nehmen – und aufarbeiten.

Inhalt und Ziel des Forschungsprojekts

Die astronomische Erkundung des Weltalls ist seit Kepler untrennbar mit der Ausbildung einer ausserirdischen Phantasie verknüpft: Nicht allein die Konstellationen der Planeten interessieren, sondern wie man auf ihnen lebt bzw. leben könnte. Der literarischen Einbildungskraft kommt dabei eine koordinatorische Funktion zu, denn sie übermittelt die Bilder von den fremden Welten und Wesen und entwirft erzählend die bewohnte Galaxie als eine dem Menschen und seinen Wissenskulturen (von der christlichen Schöpfungslehre bis zur Evolutionstheorie) sinnhaft erscheinende Ordnung. Diesen Prozessen der Erzeugung und Vermittlung des extraterrestrischen Raumes will das Projekt in drei Schritten nachgehen. Zum Ersten beleuchtet es die poetischen Strategien, mit deren Hilfe die frühneuzeitliche Literatur den Konflikt zwischen der astronomischen Wahrheit der planetarischen Mehrzahl und der theologischen Wahrheit vom Menschen als Zentrum der Schöpfung moderiert. Zum Zweiten perspektiviert das Projekt die Geschichte der intergalaktischen Kommunikationsmedien als eine Geschichte moderner Inspirationstheorie. Schlussendlich soll zum Dritten die Frage geklärt werden, welche Bedeutung das Erscheinen des »ausserirdischen Lesers« für die Entwicklung neuer Erzählformen in der europäischen Literatur seit dem 18. Jahrhundert besitzt.

Wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Kontext

Die »conditio extraterrestris« umfasst die literarische Fiktion ebenso wie die philosophische und theologische Spekulation oder die astrobiologische Untersuchung. Insofern das Projekt den ausserirdischen Raum als das historische Produkt ineinandergreifender Wissenspoetiken begreift, gibt es zum einen Aufschluss über die historische Dimension der Weltallphantasie wie zum anderen über die kulturellen Grundlagen heutiger und kommender Weltallexpeditionen.