Mediale Deformationen

Die Sprache des Universums von Lasswitz zu Lem

Mateusz Cwik, M.A.

Als es dem exzentrischen Marsgelehrten Dr. Martius erstmals gelingt, Kontakt mit der Menschheit aufzunehmen und es zum regelmässigen Kommunikationsaustausch der beiden Planetenzivilisationen kommt, stellt sich beim Leser von Waldemar Schillings Roman »Von der Erde zum Mars« (1907) schon bald Verwunderung ein. Die Verwunderung gilt einer merkwürdigen Koinzidenz: Zwar kann kein Zweifel bestehen, dass die marsianische Kultur der irdischen weit überlegen ist – ihre Wurzeln scheinen dennoch dieselben zu sein. Wie lässt es sich etwa sonst erklären, dass man auf dem Mars vor genau 302 000 Jahren Latein gesprochen hat? Man braucht kein Sprachhistoriker oder Medientheoretiker zu sein, um zu verstehen, dass nicht nur mit Blick auf die interplanetarischen Distanzen, sondern auch mit Blick auf das universale Prinzip der Konventionalität und Arbitrarität der Sprachsysteme die Entwicklung derselben Sprachform auf dem Mars und der Erde höchst unwahrscheinlich ist.

Lässt man aber das Unwahrscheinliche unwahrscheinlich bleiben, dann lässt sich die marsianische Latinität nur dadurch erklären, wenn man die Sprache(n) des Universums historisch, als ein unter dem Einfluss von zeitgenössischen (philosophischen, theologischen und naturwissenschaftlichen) Diskursen deformiertes Medium auffasst. Dabei entsteht ein ›medialer Mutant‹, das Konzept einer Sprache, die als solche zum Funktionszeichen wird, welches neben seiner primären semiologischen Botschaft auch als Medium des evolutionären Darwinismus missbraucht wird. Mit einfachen Worten: Das Universum spricht in irdischen Sprachen, weil die Sprache bestimmten universalen Evolutionsprozessen unterliegt, die (wie der biologische Code) unabhängig von unserer Verortung im Universum überall gleich verlaufen.

Das Dissertationsprojekt will jenen medialen Deformationen der Sprachedes Universums nachgehen, angefangen bei ihren Keimen in romantischen Theorien der Universalsprache (W. v. Humboldt) bis zu ihren poetischen Aufarbeitungen in der SF-Literatur des späten 19. und frühen 20. Jh.s (G. T. Fechner, K. Lasswitz, W. Schilling). Im zweiten Teil widmet sie sich der Auseinandersetzung mit gegenwärtigen, von strukturalistischen Sprach- und Poetiktheorien beeinflussten Varianten dieser Deformation (M. Bachtin, D. Suvin, R. Barthes usw.) sowie der Instrumentalisierung der SF-Kommunikationsmedien als Projektionsfläche der strukturalistischen Sprach- und Poetikreflexionen (S. Lem). Gezeigt werden soll hierdurch nicht zuletzt, dass das Phänomen der medialen Deformation kein in sich hermetisch geschlossenes Paradigma bildet, sondern eine Struktur darstellt, die sich in den theoretischen Reflexionen über das Wesen der Sprache und Poetik in den modernen Literaturtheorien des 20. Jh.s wiederfinden lässt – selbst dort, wo die literarische Kommunikation irdisch zu bleiben vorgibt.