Kosmographisches Erzählen

Schon seit Keplers Somnium spielt die Imagination fremder Planeten in der Auseinandersetzung um die Frage nach dem bewohnten Weltall eine entscheidende Rolle: Die kosmographische Phantasie, das »extraterrestrische Erleben«, stützt das astronomische Argument. Wodurch aber ist die kosmographische Phantasie selbst gerechtfertigt? Während die epistemologischen Grundlagen der conditio extraterrestris bereits hinreichend erforscht wurden, liegt die Entwicklung der poetischen Konzepte, mit deren Hilfe dieser neue Raum sinnhaft vorgestellt werden kann, noch weitgehend im Dunkeln. Ihre Ausleuchtung ist nicht zuletzt deswegen von höchstem wissenschaftlichen Belang, weil in ihren Anfängen die extraterrestrische Vorstellungskraft ihre Bilder durch ein Informationsnetzwerk empfängt, das selbst von Planetengeistern verwaltet wird. Weltraumphantasie, stellares Wissen und stellare Wesen sind in ihrem Ursprung somit auf das Engste miteinander verbunden.

Die historischen Transformationen dieses Bündnisses - die semantischen Umbesetzungen der Planetenwelten, die allmähliche Emanzipierung des Weltalls und seiner Bewohner von den frühneuzeitlichen Wissensordnungen, die Verarbeitung der ›astronomischen Revolutionen‹ durch die literarische Phantasie - stecken das Arbeitsfeld dieses ersten Subprojektes ab. Zwischen axiomatischer Gelehrtenfiktion und kosmologischer Allegorese, zwischen populärwissenschaftlicher Bilderflut und literarischen Expeditionen im unbegrenzten All begleitet es das kosmographische Erzählen von seinen Anfängen bis in die Science Fiction des 20. Jahrhunderts - und erhellt dabei die räumlich-narrativen Grundlagen der conditio extraterrestris.