Der ausserirdische Leser

Während es das Ziel der Astronomen und Kosmographen ist, den bewohnten Weltraum in einen für uns lesbaren Text zu verwandeln, kann auf der anderen Seite nicht verleugnet werden, dass die Geschichte der extraterrestrischen Poetik auch die Geschichte einer impliziten Leserschaft ist. Mag auch der Philosoph Hippias die Frage, ob »Einwohner im Monde seyn«, für gänzlich irrelevant halten: Er ist im Unrecht. Nicht nur der Roman, dem er entstammt – Wielands Geschichte des Agathon –, sondern die Literatur der Aufklärung im Allgemeinen verfolgt den »Mondbürger« geradezu obsessiv. Was anfangs nicht mehr als eine Trope war, entwickelt sich im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einer ernstzunehmenden narratologischen Grösse, aus der schon bald sowohl eine neue – kosmische – Erzählperspektive als auch ein neues historisches Subjekt – nämlich die menschliche Spezies – hervorgehen.

Das Subprojekt Der ausserirdische Leser beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit den Folgen, welche die Ausweitung des Erzählens auf die bewohnte Galaxis für das Erzählen selbst hat. Es begibt sich einerseits auf die Suche nach einer ›unklassischen‹ literarischen Ästhetik, die den Gedanken der Unendlichkeit nicht im Schönen, sondern durch die Schaffung eines Korrespondenten im Unendlichen aufzulösen versucht. Andererseits beleuchtet es die Verbindungen zwischen ausserirdischer Metaphorik, erzähltechnischen Innovationen und kulturhistorischer Epistemologie, wobei insbesondere die mit der Evolutionstheorie verbundenen kosmischen Narrative von Bedeutung sind. Zum Vorschein gelangt dabei eine Instanz, die die literarische Produktion der letzten dreihundert Jahre massgeblich geprägt hat und unter deren Zugriff nicht nur die Grenzen zwischen kanonischer Literatur und Science Fiction, sondern auch die Grenzen zwischen extraterrestrischer Fiktion und kulturhistorischer Reflexion aufgehoben werden.