Die Handschrift

Die auf Papier geschriebene Quarthandschrift (Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen A III 54) umfasst vier ungezählte und 262 gezählte Blätter. Die Lagen bestehen überwiegend aus Quaternionen. Kustoden und gelegentliche Reklamanten lassen erkennen, dass die ursprüngliche Lagenordnung weitgehend bewahrt ist; auf eine Lagenversetzung bei der Bindung weist der Schreiber selbst hin (f. 182v und 230v). Die Blattzählung ist ursprünglich; f. 8 (mit der Illustration zum Disput zwischen den drei Freunden und ihrem bekehrten Gefährten aus dem Spiegelbuch) fehlt jedoch, f. 252 wurde bei der Zählung übergangen, nach f. 39 und 171 blieb je ein Blatt ungezählt. Die Handschrift, geschrieben in zeitgenössischer Kurrentschrift, stammt von der Hand Wilhelm Werners, der auch die 116 kolorierten Federzeichnungen angefertigt hat. Die Niederschrift erfolgte vermutlich auf Schloss Herrenzimmern in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts, die Papiersorten sind in den dreißiger und vierziger Jahren belegt. Die Bindung wurde um 1550 vorgenommen, die Zierstempel auf dem Einband stimmen mit jenen der 1550 gebundenen Bände von Wilhelm Werners Bistumschronik überein.
Die Handschrift gelangte schon vor der Aufteilung des Zimmernschen Besitzes – nach dem Aussterben des Geschlechts im Mannesstamm (1594) – in die Königseggsche Bibliothek in Aulendorf: 1580 hatte Wilhelm Werners jüngere Schwester Kunigunde den Grafen Berthold von Königsegg geheiratet; ihr Eintrag findet sich auf dem Vorsatzblatt (1592. Kunigunde frey fraw zu Königsekh vnd Aulendorf geborne greffin zu Zimbern gehort dis Buch zu); Zusätze und Anmerkungen in der Handschrift (ab 1640) stammen von der Hand Johann Georgs von Königsegg-Aulendorf, des Begründers der Linie Königsegg-Aulendorf. 1930 wurde die Handschrift aus dem Antiquariatshandel für die Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek (Donaueschingen) und 1993 beim Verkauf der Fürstlichen Handschriftensammlung für die Württembergische Landesbibliothek (Stuttgart) erworben.

Abschriften

Der Wert der Handschrift zeigt sich nicht zuletzt darin, dass bald nach ihrem Abschluss mehrere Abschriften und Abmalungen angefertigt wurden, zum Teil als einfache Kopien ohne Repräsentationsanspruch (Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Kupferstichkabinett, Cod. 78 A 19), zum Teil aber auch in aufwendiger Form durch professionelle Schreiber, die kalligraphische Auszeichnungsschriften verwendeten (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Hs 86321), und professionelle Maler, die die lavierten Federzeichnungen in Deckfarbenminiaturen umsetzten (Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 123). Die letztgenannte Handschrift, deren Bilder hier zum Vergleich studiert werden können, bietet das Beispiel eines um 1600 in eine Repräsentationshandschrift (in Folioformat) umgesetzten Hausbuchs. Die Herstellung erfolgte arbeitsteilig. Zunächst trug der Schreiber den Text ein: in Kurrentschrift und unter Verwendung einer roten Auszeichnungsschrift für Überschriften und Textanfänge. Inhaltliche Veränderungen begegnen so gut wie keine, nur die lateinischen Texte am Anfang und Ende wurden ausgelassen. Auch der Maler, bislang unidentifiziert, behält den Bildaufbau meist bei, verändert aber verschiedentlich die Bildgröße. Abgesehen von den Illustrationen des ‚Totentanzes’, für die der Maler die Holzschnitte von Hans Holbein dem Jüngeren als Vorlage benutzte, dienten ihm die Zeichnungen der Handschrift Cod. Donaueschingen A III 54 als Vorbilder. Landschaftsszenen sind hie und da in Innenräume verlagert, Zahl und Anordnung der Figuren abgewandelt. Durchweg kommt es zu einer Modernisierung der Kleidung und zu einer Ausgestaltung der Details: bei den Personen, den architektonischen Elementen, den Landschaftshintergründen. Durch perspektivische Konstruktion und gestaffelte Anordnung erhalten die Szenen Raumtiefe, durch unterschiedliche Färbung des Himmels werden Stimmungsnuancen erzeugt. Die Abschriften entbehren der Hinweise auf Vorbesitzer, doch dürften sie für verschiedene mit den Zimmern verbundene Zweige und Geschlechter (zum Beispiel Grafen von Lupfen oder Grafen von Helfenstein) angefertigt worden sein.