4xxAusblick
Die vorgetragenen Punkte legen nahe, daß zu einer adäquaten Beschreibung von Auffälligkeiten auf der medial-graphischen Ebene
sowie für eine begründbare Einschätzung der konzeptionellen Grundlage von Chat-Kommunikation zunächst die technischen und prozeduralen Gegebenheiten
begutachtet werden müssen, in deren Rahmen eine computervermittelte Kontaktaufnahme möglich wird und ein On-line-Austausch von Textbeiträgen
vollzogen werden kann. Das Trägermedium, das als ein Komplex aus datenverarbeitenden Einheiten, übertragungsrelevanten Protokollen und
Datenverarbeitungsprozeduren zu denken ist, stellt hierbei die technischen und organisatorischen Voraussetzungen, um auf der Grundlage eines
geregelten Datentaustauschs zwischen datenverarbeitenden Systemen und über die Vermittlung der einzelnen Dateneinheiten durch eine zentrale
Instanz (das Steuerprogramm) Kommunikationsvollzüge zwischenmenschlicher Art zu ermöglichen. Hierbei werden die teilnehmenden Kommunikanten
vom vermittelnden Programm in Form von Teilnehmerprofilen verwaltet, die nicht nur der Wiederidentifizierung des Teilnehmers dienen, sondern darüber
hinaus auch dessen jeweils aktuellen kommunikativen Status fixieren. Dieser Status legt fest, welche der beim Programm eintreffenden
Kommunikationsbeiträge dem betreffenden Teilnehmer (X) zugänglich zu machen sind und welche nicht, also: zu welchen der übrigen Teilnehmer
(Y1-n) X in einem Verhältnis steht, das von beiden Seiten explizit oder implizit so bestimmt wurde, daß die Beiträge des einen jeweils -
zumindest implizit - an den anderen adressiert sind. Das kommunikative Verhältnis eines Teilnehmers zu seinen Mitkommunikanten wird an der
Benutzeroberfläche über die Metapher des Chat-"Raumes" dargestellt: Die einfachste Form, mit anderen Chat-Teilnehmern zu kommunizieren ist diejenige,
sich mit diesen in einem "gemeinsamen Raum" zu befinden, und die einfachste Form, einen Kommunikationsvollzug abzubrechen ist diejenige, den
"Raum" zu "verlassen".
Teilnehmerprofile (als abstrakte "Identitäten" auf der Datenverarbeitungsebene) werden vom Chat-Programm als eine Menge von Parametern
(Benutzername, Passwort etc.) verwaltet; die relevanten Parameter werden hierbei als rein distinktive Zeichenfolgen behandelt. Dies macht es schwierig,
den Vertrautheitsgrad der Kommunikanten beim Chatten pauschal zu fixieren. Zwar kann für die sozial-emotionale Nähe von Chat-Teilnehmern, die über
längere Zeit unter gleichbleibenden Nicknames miteinander kommunizieren, sehr wohl bisweilen ein Grad an relativer Nähe festgestellt werden; diese relative
Nähe ist jedoch höchst störungsanfällig gegenüber Irritationen, welche sich durch die Hintergehbarkeit der scheinbar identitätssichernden semiotischen
Repräsentationen ergeben, anhand derer die Teilnehmer bei ihrem körperlosen Agieren in virtuellen Kommunikationsräumen manifest werden. Das
Fehlen des gemeinsamen Wahrnehmungsraumes und die gänzliche Unmöglichkeit einer sinnlich verifizierbaren Gewißheit über das kommunikative
Gegenüber schärfen notwendigerweise die Sensibilität der Kommunikanten gegenüber Verdachtsmomenten in der medial-graphophysischen Zeichenhaftigkeit
des anderen: In Kommunikationsvollzügen, in welchen lediglich eine bestimmte Typographie Zeugnis und Zeichen von einem möglichen "Zugegensein" gibt,
werden somit mitunter selbst kleinste graphische Ungereimtheiten zum sozialen Problem oder Rechtfertigungszwang. Des weiteren ist durch die Möglichkeit
zur vollständigen Anonymisierung des eigenen Selbst eine weitestgehende Loslösung von sozialen Rollen gegeben: Die geographische Unbestimmbarkeit
der Mitkommunikanten, die Freiheit zur Konstruktion einer alternativen Chat-Identität sowie die Unüberpr¸fbarkeit dessen, was ein Kommunikant in seinen
Beiträgen von sich selbst preiszugeben scheint, erlauben eine Verortung des durchschnittlichen Vertrautheitsgrades der Chat-Teilnehmer auf bestenfalls
mittlerem bis niedrigem Niveau.
Der charakteristische Ablauf von Kommunikationsvollzügen im Chat läßt sich als nahezu synchron bezeichnen. "Synchron" dahingehend, daß sämtliche
Teilnehmer zur selben Zeit beim Programm angemeldet sein müssen, um online an der Kommunikation teilzunehmen, eingeschränkt allerdings durch ein
relativierendes "nahezu", da hinsichtlich der Abwicklung des kommunikativen Austauschs nicht in gleicher Weise spontan agiert werden kann wie dies etwa
in der Face-to-face-Kommunikation der Fall ist. Vielmehr zeichnet sich Chat-Kommunikation aufgrund ihres prozeduralen Ablaufes, der sich in mehreren
Schritten vollzieht (vgl. Abb. 4), aus durch ein klar geregeltes Turn-taking, wonach keine Unterbrechungen möglich sind und die Fremd- oder Selbstwahl nur
nach dem Zufallsprinzip gelingt. Zwar kann ein Teilnehmer jederzeit selbst entscheiden, wann er auf einen Turn reagieren möchte; zwischen der Entscheidung
und Realisierung dessen, was er zum aktuellen Kommunikationsgeschehen beitragen möchte, liegt jedoch (a) die Notwendigkeit, diesen Beitrag graphisch
zu realisieren, (b) dieses Produkt dann an das Steuerprogramm zu übermitteln, sowie (c) die Phase der Verarbeitung des Beitrags durch das Programm
und (d) die Übermittlung an den/die Rezipient(en). Auf die Dauer der Abwicklung der Schritte (b) bis (d) hat der Produzent keinerlei Einfluß, ebensowenig
darauf, an welchem Punkt des fortschreitenden Kommunikationsgeschehens sein Beitrag tatsächlich als Turn eingebracht wird. Die Produktions- und die
Äußerungsphase fallen daher beim Chatten nicht nur nicht zusammen, sondern unterliegen in ihrer Realisierung darüber hinaus zwei verschiedenen
verantwortenden Instanzen. Da zweitere von einem technischen Medium vollzogen wird, kann - genau genommen - nicht einmal vom Gegebensein eines
"Äußerungsaktes" gesprochen werden, sondern lediglich von einem "trägermedial vollzogenen Realisierungsakt", durch den das Tätigen einer Äußerung
simuliert wird. Die Synchronizität der Kommunikation wird zusätzlich beeinträchtigt durch die Notwendigkeit, Beiträge graphisch zu fixieren, sowie -
im Falle, daß mit ihnen Turns des Typs (ii) oder (ii.a) (vgl. Abschnitt 2.3) erwirkt werden sollen - gemäß einem vorgegebenen Set an
Kodierungskonventionen auszuzeichnen.
Insgesamt zeigt sich also die kommunikative Grundhaltung beim Chatten als weitgehend durch die technischen und prozeduralen Leistungen des
Trägermediums beeinflußt. Zwar bezeugen Auswertungen von Textformulierungs- und Produktionsgewohnheiten im Chat eine auffallend nähesprachliche
Wahrnehmung der Kommunikationsform seitens ihrer Teilnehmer; daß die konzeptionelle Mündlichkeit von Chat-Kommunikation allerdings in weiten Teilen
durch trägermedial induzierte Distanzbarrieren beschränkt wird, zeigt sich - wie Storrer (2001:452)
anmerkt - "spätestens beim Versuch, ein Chat-Protokoll mit
verteilten Rollen vorzulesen bzw. die im Chat konstituierten Inszenierungen auf einer wirklichen Bühne zur Aufführung zu bringen". "Distanz" (i.S.v.
Koch/Oesterreicher 1985; 1994) schaffen hierbei die Trennung von Produzent und Produkt, die Entkoppelung von Produktion und
"Äußerung", die
Substitution der Äußerung durch eine rein rechnergesteuerte Datenverarbeitungs- und Übermittlungsprozedur, die geographische Getrenntheit der
Teilnehmer, die mit den Modalitäten der Teilnehmerverwaltung gegebenen Möglichkeiten zum Spiel mit fiktiven Subjektkonstruktionen, sowie zuletzt die
Vorgabe einer medialen Graphizität.
Der Ausschluß auditiver und visueller Wahrnehmungskanäle und die damit gegebene Begrenztheit der medialen Ausdrucksmöglichkeiten läßt die
Teilnehmer (relativ zu ihrer Wahrnehmung der kommunikativen Situiertheit im Chat als einer Nähesituation) bisweilen nach Möglichkeiten suchen, der
suprasegmentalen Ästhetik der Schrift spielerisch eine Art außersprachlicher Zeichenhaftigkeit zu unterstellen. So wird beispielsweise die (im Programm
vorgesehene) Möglichkeit der individuellen Farbwahl und des Farbenwechsels dazu genutzt, Nonverbales simulativ nachzubilden bzw. gewissen
Schrifteigenschaften eine symptomfunktionale Leistung zuzuschreiben. Wo einzig der Name einer Person deren Identität symbolisiert und deren
Zugegensein indiziert, können bestimmte Farbwerte - relativ zu kulturell eingespielten Deutungsmustern - als charakteristische Kleidung oder
Gesichtsfarbe deklariert und somit beispielsweise als Zeichen für Trauer (schwarz), Indiz für Sch¸chternheit (rot) oder als Anzeichen für Erschrecken
(Farbwechsel von z.B. blau nach blaßgelb als "Erbleichen") ausgedeutet werden.
Die von Ong (1987) beschriebene "Technologisierung des [gesprochenen] Wortes" durch die Schrift, die Ausdifferenzierung der literalen
aus einer ursprünglich oralen Kultur und damit die Herausbildung zweier verschiedener Techniken des kommunikativen Vollzuges sozialer Praxis
erfährt in der Chat-Kommunikation unter Einfluß eines neuen (technischen) Mediums eine teilweise Rücknahme ihrer tradierten Komplementarität:
Auf der einen Seite erfährt die Schrift eine Rückf¸hrung in den Diskurs, auf der anderen Seite werden Elemente literaler Tradition ("Erzähltechniken"
im weitesten Sinne) einer als nähesprachlich begriffenen Dialogsituation zugänglich gemacht. An denjenigen Stellen des Kommunikationsprozesses,
an welchen die hieraus resultierende Hybridität der kommunikativen Grundhaltung beschränkend zutage tritt, ist eine Ausbildung semiotischer
Innovationen feststellbar, an der sich zeigen läßt, wie die Kommunikanten versuchen, die Probleme der spezifischen Rahmenbedingungen ihrer neuen
Kommunikationsform zu überwinden. Daß diese Probleme nicht als "unlösbar" begriffen werden, beweist die beachtliche Popularität der Nutzung von
Chat-Angeboten im Internet.
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- Wichter, Sigurd: Zur Computerwortschatz-Ausbreitung in die Gemeinsprache. Elemente der vertikalen Sprachgeschichte einer Sache. Frankfurt 1991 (Germanistische Arbeiten zu Sprache und Kulturgeschichte 17).
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Über den Autor
Michael Beißwenger, M.A. studierte Germanistik und Mittlere & Neuere Geschichte und beschäftigt sich
schwerpunktmäßig mit Sprache & Kommunikation in Neuen Medien sowie mit den Anwendungsmöglichkeiten von Texttechnologie in den
Bereichen Hypermediamodellierung & Lexikographie.
Veröffentlichungen u.a. zur Chat-Kommunikation sowie zum Publizieren im Internet.
Neben diesem Aufsatz ist online auch ein Manuskript zu Aspekten der Produktion und Rezeption von (Hyper-)Textangeboten im World Wide Web sowie ein
Interview zur Chat-Kommunikation verfügbar. Unter www.chat-kommunikation.de
findet sich weiterhin die begleitende Website zu einem von ihm herausgegebenen interdisziplinären Sammelband zur Chat-Kommunikation, der im November 2001 erschienen ist. Einen Überblick über
die internationale Chat-Forschung bietet die regelmäßig aktualisierte Bibliographie unter www.chat-bibliography.de.
E-Mail: Michael.Beisswenger@gmx.de
Homepage: www.michael-beisswenger.de
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