Poetikvorlesung 2021

Organisation: Prof. Dr. Philipp Theisohn, Deutsches Seminar, und Gesa Schneider, Literaturhaus Zürich.

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Bevor es ein Bild ist, ist es ein Spiel. Ein Blatt Papier, ein Stift. Rasch skizziert sind Ohren, Augen, Schnauze. Unter dem Hals wird das Blatt gefaltet und weitergereicht, der nächste setzt einen schuppigen Oberkörper hinzu, Flossen ragen aus den Seiten, die übernächste den Leib einer Milchkuh, ein weiterer zeichnet Storchenbeine, die letzte Pferdehufe. Erst mit dem Auffalten des Papiers zeigt sich jenes schillernde Mischwesen, ein Fabelwesen – Gestalt einer kollektiven Phantasie.   

Dieses Bildspiel beschreibt die österreichische Schriftstellerin und bildende Künstlerin Teresa Präauer in ihrem Essay «Tier werden». Das Bild reflektiert in nuce ihr eigenes literarisches Schaffen: Affen, Vögel, Fische sind zentrale Figuren in Teresa Präauers Poetik. Doch wo das Schreiben zum Spiel wird, beginnt eine Literatur, die nicht von Tieren handelt, sondern selbst zum Tier wird. Die Aufmerksamkeit aber lenkt Präauer wiederholt auf die Um/Brüche: «Jede Faltung wäre eine Geste zum Zweck der Veränderung, jede Falte wäre eine Markierung des Übergangs.». Von Metaphern zu Metamorphosen, von Texten zu Tieren, von Kunst zu Wirklichkeit: Mit Teresa Präauer vollzieht sich ein Denken, das mit Claude Lévi-Strauss wahrhaft wild zu bezeichnen wäre.

Als Schriftstellerin und Künstlerin wurde Teresa Präauer von ihrem ersten Roman «Für den Herrscher aus Übersee» mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Für ihren Roman «Johnny und Jean» erhielt Präauer 2015 den Förderpreis zum Friedrich-Hölderlin-Preis, im selben Jahr war sie für den Preis der Leipziger Buchmesse und den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. 2016 hatte sie eine Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin inne, bei der sie ein Seminar zur «Poetischen Ornithologie. Zum Flugwesen in der Literatur» gab. Zwei Dramen, «Ein Hund namens Dollar» und eine dramatisierte Fassung ihres Romans «Oh Schimmi» wurden 2018 realisiert. Neben dem Schreiben von Romanen, Erzählungen und Kolumnen arbeitet Präauer auch als bildende Künstlerin. Ihre Werke wurden in verschiedenen Museen in Deutschland und Österreich ausgestellt.