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Gründungsworkshop

Blick in der Interaktion: Eye-Tracking für die multimodale Gesprächsanalyse

In den letzten Jahren hat das fachübergreifende Interesse an der Multimodalität menschlicher Kommunikation deutlich zugenommen; entsprechend ist auch die Zahl der Studien zur multimodalen Interaktionsanalyse stark gestiegen. Dieser „multimodale Turn“ beeinflusst Bereiche der Linguistik, Gesprächsanalyse, Diskurspsychologie und auch der Kognitionswissenschaft und hat zu einem grundlegenden Umdenken geführt: Verbale Äusserungen werden nicht mehr unabhängig von Blick, Gestik, Körperhaltung und Mimik untersucht, sondern als Teil integrierte multimodaler Gestalten begriffen (Enfield 2009; Mondada 2014; Holler & Levinson 2019).  

Technologische Fortschritte der letzten Jahre haben die Möglichkeiten, die Multimodalität kommunikativen Handelns zu erforschen, erheblich erweitert. Im Bereich des Blickverhaltens erlauben es insbesondere mobile Eyetracking-Brillen, Blickziele, -richtungen und -bewegungen von Interaktionspartner:innen präzise zu erfassen, aufzuzeichnen und auszuwerten. Ihr Einsatz ist dabei nicht auf Laborsituationen beschränkt: Die Träger:innen können sich frei in natürlichen Settings und Interaktionsräumen bewegen. Mobiles Eye-Tracking gehört somit zu den neuesten und vielversprechendsten Entwicklungen in der multimodalen Gesprächsanalyse und fügt sich in einen allgemeinen Trend hin zu größerer methodischer Vielfalt ein. Gleichzeitig wirft die Methode methodische, ethische und analytische Fragen auf – etwa nach möglichen Einflüssen der Brillen auf das Interaktionsverhalten, danach, wie unter diesen Bedingungen möglichst natürliche Aufnahmesituationen gewährleistet werden können, sowie nach der Vereinbarkeit von Eyetracking mit dem konversationsanalytischen Anspruch, das tatsächliche Teilnehmer:innenwissen und die Teilnehmer:innenperspektive zu rekonstruieren. Ziel des geplanten Workshops ist es, führende Forscher:innen des Feldes sowie vielversprechende Nachwuchswissenschaftler:innen zusammenzubringen, um entlang konkreter Datensitzungen und Vorträgen einen intensiven Austausch über Nutzen, Grenzen und analytische Möglichkeiten mobilen Eyetrackings in natürlicher Interaktion zu ermöglichen. Der Workshop soll als Forum für Vernetzung und Kooperation dienen, gemeinsame methodische Standards ausloten und die Entwicklung zukünftiger Gemeinschaftsprojekte (Publikationen, Vergleichsstudien, Drittmittelanträge) anstoßen. Als Gründungsworkshop des "Gaze in Social Interaction Zurich Labs" am Lehrstuhl von Frau Prof. Dr. Elisabeth Zima am Deutschen Seminar der UZH verfolgt die Veranstaltung zugleich das Ziel, das neu gegründete Lab inner- und ausserhalb der UZH sichtbar zu machen und die Grundlage für eine im Zweijahresrhythmus wiederkehrende Workshop-Reihe zu legen. Mittelfristig soll so ein stabiles internationales Netzwerk zur Eye-Tracking-basierten Interaktionsanalyse entstehen, in das insbesondere auch Nachwuchsforschende der UZH eingebunden werden.

Spezifisch sollen die folgenden Themen im Mittelpunkt stehen und anhand interaktionaler Daten diskutiert werden:

●    Empirische Fundierung der Debatte zu Nutzen, Grenzen und Intrusivität mobilen Eye-Trackings.  

●    Methodenklärung zu Messqualität, Datenaufbereitung (z. B. Glättung), Synchronisation mit Audio/Video, Transparenzstandards.

●    Analytische Integration von Blickdaten in interaktionale Analysen.  ●    Reliabilität & Validität: Beobachter*innen-Kodierung vs. Eye-Tracking-Messung (z. B. Intercoder-Reliabilität nach Zima et al. 2025).  

●    Ethik & Praxis: Informationsasymmetrien, Einwilligung, Datenmanagement.  

Langfristig trägt der Workshop zur nachhaltigen Etablierung des «Gaze in Social Interaction Zurich Labs» als international sichtbare Forschungsplattform an der UZH bei. Die Veranstaltung bildet den Auftakt zu einer im Zweijahresrhythmus geplanten Workshop-Reihe, in deren Rahmen ein stabiles internationales Netzwerk von Expert:innen und Nachwuchsforschenden aufgebaut wird. Die dabei entwickelten methodischen Standards, Datensätze und Analysen fließen in die Ausbildung von Studierenden und Promovierenden an der UZH ein (z. B. in Form von Lehrveranstaltungen, Methodenworkshops und Abschlussarbeiten) und stärken so die langfristige Forschungsinfrastruktur im Bereich moderner, datenintensiver Interaktionsanalyse. Der Workshop - sowie das Lab am Lehrstuhl von Prof. Dr. Elisabeth Zima am Deutschen Seminar der UZH – stärkt das Profil der Universität als international ausgewiesener Standort für gesprächsanalytische und mulimodale Interaktionsforschung. Er verbindet linguistische Konversationsanalyse mit kognitionswissenschaftlichen und technologischen Perspektiven und ergänzt damit bestehende Schwerpunkte der UZH im Bereich Sprache, Kommunikation und Digitalisierung. Nachwuchsforschende der UZH werden aktiv in den Workshop einbezogen und profitieren unmittelbar von der Expertise der eingeladenen internationalen Gäste.

Gesellschaftlich ist das Workshopthema hoch relevant: Blickverhalten ist eine zentrale Ressource menschlichen Handelns – etwa auch in Unterrichts- und Lernsituationen, in medizinischer Kommunikation, in Beratungs- und Entscheidungskontexten, in Teamarbeit oder in hybriden und digitalen Interaktionsformaten. Die im Workshop diskutierten methodischen Standards und Daten leisten somit einen Beitrag zu einer gesellschaftlich relevanten, empirisch fundierten Kommunikationsforschung an der UZH.